Schlechtes Training: Warum ich Dich eventuell nicht korrigiere, selbst wenn Du absolute Grütze trainierst!

„Waaaaaaas? Aber Du bist doch Trainer, Du MUSST mich (und andere) korrigieren, wenn Du siehst, dass etwas falsch gemacht wird!“

Nein, muss ich nicht! Wenn Du den ersten Teil dieser Artikelreihe gelesen haben solltest (falls nicht, let’s go: https://www.deistertraining.de/die-schlechtes-training-trilogie-teil-1-wenn-du-keine-ahnung-vom-training-hast-das-aber-leider-nicht-weisst/ ), dann hast Du vermutlich schon eine Idee. Die Zahl der Gründe kann allerdings vielfältig sein und geht über das reine „die oder der (meistens „der“) glaubt alles selber besser zu wissen“ hinaus.

Aber lass uns loslegen und Du wirst bald wissen, warum ich Dich im Studio freundlich anlächle, Dein Training aber unter Umständen nicht kommentiere.

Wirklich perfekt trainieren sehr wenige!

Wenn Du den Standard hoch anlegst, wirst Du nur sehr wenige Trainierende sehen, die alles gut bis perfekt machen. Die Zahl der möglichen Fehler ist groß:

  • die meisten trainieren zu selten! Du siehst das nicht als Fehler an? Ich schon! Genau genommen ist ein nicht perfektes, aber regelmäßiges Training wichtiger, als ein zu selten ausgeführtes Training, bei dem alles im Detail stimmt!
  • Das was die meisten als „Trainingsplan“ trainieren, ist in vielen Fällen frag- oder zumindest verbesserungswürdig.
  • Ein häufiger Fehler ist das Bewegungstempo. Ich schätze mal dass etwa 50% der Trainierenden etwas zu schnell trainieren… und weitere 20% viel zu schnell. Es wird zu sehr darauf geachtet, eine bestimmte Wiederholungszahl auszuführen als darauf, wie diese Wiederholungen ausgeführt werden. 12 Wiederholungen an einem Rudergerät kannst Du recht flott in 20 Sekunden ausführen, Du kannst aber auch kontrolliert arbeiten, mit Kontraktion in der Endposition und betont langsamer negativer Bewegung. Ob das eventuell einen kleinen Unterschied im Ergebnis hat? Nein, sogar einen sehr großen!
  • Unvollständiger Bewegungsradius: Du arbeitest nur in einem begrenzten Bereich des Bewegungsradius. Was wird weggelassen? Natürlich unbewusst der anstrengendste Bereich, der aber auch zur Effektivität der Übung maßgeblich beiträgt.
  • Mit Schwung geht vieles besser! Mit Schwung kann mehr Gewicht bewegt werden. Dies führt dann natürlich zu weniger Kontrolle der Übung, geringeren Reizen für die Muskulatur, auf der anderen Seite aber höheren Belastungen für Sehnen und Bänder. Meist treibt uns (und in den allermeisten Fällen uns Männer) das Ego dazu… als ob es irgendjemanden interessieren würde, ob ich da gerade 15, 17,5 oder 20kg-Hanteln bewege!
  • Zu leichtes Training! Ja, auch das geht und ist ein weit verbreiteter Fehler. Wenn die Gewichte zu leicht sind und Du dadurch keinen Reiz setzt, dass die Muskulatur sich anpassen muss… RICHTIG! Dann wird auch nix passieren!
    Während die Punkte mit schlechter Technik und zu hohem Gewicht meist Männer betrifft, sind es hier meistens Frauen, die zu leicht trainieren. Wenn Du etwas mit Deinem Training erreichen möchtest, dann MUSST Du intensiv genug trainieren!

Der Dunning-Kruger-Effekt

Diesen Effekt habe ich Dir im ersten Teil dieser Trilogie ja ausführlich dargelegt. Kurzfassung: wer gar keine Ahnung hat glaubt oft, deutlich mehr Ahnung zu haben und sieht gleichzeitig nicht, wenn jemand anderes mehr Ahnung hat. Ein Teufelskreislauf der Unwissenheit!

Jetzt aber mal runter gebrochen auf Dich und mich. Oder vielleicht auch auf Deinen Kumpel, falls Du viel Ahnung vom Training hast! Wobei das natürlich auch der Dunning-Kruger-Effekt sein könnte! 😉

Dein Kumpel trainiert also und es ist echt gruselig. Glaube mir, in Fitnessstudios werden, wenn man weiß wie es richtig geht, viele gruselige Dinge gemacht! Wenn ich ihn jetzt ansprechen möchte, dann habe ich folgendes Problem: er glaubt, dass er es richtig macht und gleichzeitig glaubt er, es besser zu wissen als ich! Wie groß sind meine Chancen?

Ich weiß relativ viel über Training, ich habe über 28 Jahre Erfahrung als Trainer und ich beschäftige mich in meiner Freizeit durch Literatur, Hörbücher, Workshops usw. genau mit diesen Themen: wie erreiche ich Menschen? Wie kommuniziere ich?
Trotzdem erreiche ich viele nicht und anderen Trainern geht das genauso. Es gibt Trainierende – und nicht wenige – die so grandios falsch trainieren, dass man die Clips zusammenschneiden und auf YouTube hochladen könnte… und ich bräuchte nicht lange bis ich ein Video zusammen hätte. Setze mich in einem beliebigen Fitnessstudio aus und los geht’s.

Hier geht es aber natürlich nicht darum, sich über andere lustig zu machen. Wie gesagt, mir wäre es lieber, ich würde die Person nach dem Satz ansprechen, sagen wie es besser, er sagt „oh danke! Das werde ich so machen!“ und setzt es sofort um.

In vielen Fällen versucht man es einmal, vielleicht ein zweites Mal, eventuell ein drittes Mal… na ja, und dann beschränkt man die Gespräche mit dieser Person zukünftig vielleicht auf das Wetter, Politik (versuche ich übrigens zu vermeiden und empfehle das auch anderen Trainern), Hannover 96… oder wenn man für bessere Laune sorgen möchte auf den letzten oder noch besser auf den bald anstehenden Urlaub!
Eins ist nämlich wichtig zu sagen, wenn ich hier doch ein bisschen über die Unbelehrbarkeit dieser Personen herziehe: das sind meistens keine schlechten Menschen! Oftmals richtig dufte Typen! Haben halt bloß keinen Schimmer vom Training und wissen das nicht.
Eins muss ich aber noch sagen: die wenigen richtig unangenehmen Menschen, die ich im Laufe der vielen Jahre kennenlernen durfte … ich korrigiere: MUSSTE… die fallen oftmals in genau diese Kategorie!

Oftmals sind es keine schlimmer Fehler!

Ich erwähnte zu Beginn, dass es in vielen Fällen zwar nicht perfekt ist, wie manche Personen trainieren, aber durchaus ok! Vielleicht ist dieses ok ja auch vollkommen ausreichend?

Ich unterscheide hierbei, mit wem ich es zu tun habe. Wenn Du mir sagst, dass ich bitte unbedingt immer alles erwähne, wenn mir was auffällt… und ich bei ersten Versuchen auch merke, dass das wirklich so ist… dann gehe ich mir Dir gerne so richtig ins Detail und gebe Feedback zu jedem Punkt der mir auffällt.

Übrigens auch andersherum! Hier geht es zwar darum, dass oft schlecht trainiert wird und wie man korrigieren und verbessern kann, aber eins ist auch ganz wichtig: Lob!

Ich lobe meine Trainierenden auch! Für ihren Einsatz, ihren Enthusiasmus, ihre Fortschritte… und natürlich auch, wenn sie eine Korrektur, die ich gegeben habe, erfolgreich umsetzen. Selbst wenn es noch nicht perfekt sein sollte, meist ist es (falls diese Person nicht zu stark Dunning-Kruger ist und auf mich hört) nämlich danach besser!

Wenn der Eimer voll ist, brauche ich nicht weiter Wasser rein zu gießen!

Wenn ich Dich vorhin bei der Übung schon korrigiert habe und dann später bei einer anderen nochmal, dann ist der Eimer irgendwann voll. Weitere Korrektur und Verbesserung ist dann für diesen Tag nicht angebracht. Außer ich möchte Dich ärgern, aber das ist nicht mein Ansinnen… meistens! 🙂

Wenn die Freundin oder die Kumpels dabei sind: ganz schlechter Moment!

Wenn Du möchtest, dass jemand so richtig allergisch auf Deine Verbesserungsvorschläge reagiert, dann korrigiere ihn vor anderen. Funktioniert garantiert!

Manchmal lässt es sich aber nicht vermeiden, dann wähle ich einen Gesprächseinstieg wie „Hat Dir das ein Trainer so gezeigt oder Dein Kumpel… bzw. „… oder hast Du das von YouTube?“

Das ist recht frech, führt aber oft ziemlich direkt ans Ziel. Manchmal wird auf den Trainer verwiesen. In der Regel weiß ich aber, was meine Kollegen zeigen und manchmal wurde etwas einfach nicht verstanden oder korrekt umgesetzt. Oft wird dann übrigens wirklich auch auf den Trainingspartner verwiesen, der gerade daneben steht. Freut der sich darüber? Vermutlich auch nicht… aber der Korrigierte kann zumindest einen Teil der Verantwortung abgeben und ist selber aufnahmefähiger.

In solchen Fällen ist es dann ratsam, nicht noch mehr den „Besserwisser“ raushängen zu lassen als man es ohnehin schon getan hat. Ich weise übrigens oft darauf hin, dass manche Fehler quasi automatisch entstehen. Gleichzeitig erkläre ich aber auch, wie man sie bestmöglich vermeidet.

Manchmal ist es auch so, dass der Trainingspartner die Übung auch korrekt gezeigt hat. Das korrekte Nachmachen ist dann das Problem. Oder der Trainingspartner weiß zwar, wie man die Übung korrekt ausführt (und macht das selber), er erkennt aber möglicherweise die Fehler nicht, die beim Nachmachen entstehen können. Oder er erkennt sie zwar, hat aber nicht die passende Korrektur zur Hand. Es besteht nämlich immer noch ein bedeutender Unterschied zwischen etwas selber können und der Fähigkeit, dieses auch zu lehren.

Du siehst, es geht ja eigentlich nur um die Korrektur einer Übung mit dem Ziel, dass Du oder wer auch immer diese im Anschluss besser und korrekt ausführt. Der Weg dorthin ist aber mit so vielen psychologischen Fallen und möglichen Problemen gespickt, da hättest Du doch niemals mit gerechnet, oder?

Ich habe keine Zeit!

Das soll echt vorkommen. Manchmal sind andere Dinge einfach wichtiger als Dich zum x-ten Mal darauf hinzuweisen, dass Du beim Bizepscurls schon wieder zu viel Gewicht verwendest und dieses mit Schwung, zu hohem Tempo und eingeschränktem Bewegungsradius bewegst. Dann ist das halt so!

Wenn ich zu Gast in einem Studio bin, verhalte ich mich dort als Gast, nicht als Trainer!

Von dieser Prämisse weiche ich echt nur in Ausnahmefällen ab, beispielsweise wenn ich mit jemandem gut ins Gespräch gekommen bin und es zufällig passt . Ansonsten ist das nicht meine Aufgabe und wird auch nicht gern gesehen.

Du möchtest mit mir Hardstyle Kettlebell trainieren? Dann vergiss bitte alles, was ich oben geschrieben habe! Hier streben wir Perfektion an!

Diesen Punkt habe ich gestern Abend auch in meinem Kettlebellkurs angesprochen… und alle Teilnehmer wussten, was ich meine. Beim Kettlebelltraining arbeiten wir unter den Prämissen „schwer und anstrengend ist gut, korrekte Ausführung ist aber noch wichtiger“ und „das war jetzt schon ein bisschen weniger schlecht als vorher!“ Na ja, ganz so sage ich das selten und wenn, dann passe ich auf, dass mein Augenzwinkern wahrgenommen wird. Wir arbeiten aber tatsächlich nach dem Prinzip, dass wir es immer noch ein bisschen besser machen wollen!

Du hast da keinen Bock drauf? Kein Problem, dann wirst Du auch nicht zufällig in einem Hardstyle-Kettlebellkurs bei mir landen.

Eine weitere Ausnahme: Opfer von Dunning-Kruger-Opfern

Das passiert leider relativ häufig! Trainierende, die keine Ahnung haben, das aber nicht wissen und sich gleichzeitig gedrängt fühlen, ihr (Nicht-)Wissen an andere weiterzugeben.

Einige derer, die ich oben beschrieben habe, die ich eben nicht korrigiere, weil sie komplett resistent gegenüber allen Vorschlägen sind, die von mir kommen könnten – und zwar egal auf welche Art und Weise ich diese vortrage – haben leider ein sehr, sehr großes Sendungsbewusstsein. Ich habe da ein Paradebeispiel im Hinterkopf und jeder meiner Kollegen und die meisten der Trainierenden die ich kenne sagen jetzt sofort „ja, der XYZ“. Schon lange am Trainieren, eine recht gute Veranlagung für Muskelaufbau, gleichzeitig aber keine, wirklich keine einzige Übung, die annähernd gut ausgeführt wird. In solchen Fällen wünscht man sich, dass solch eine Person Kopfhörer trägt und sich während des Trainings rein mit sich selbst beschäftigt. Doof nur, dass diese Person wahnsinnig kommunikativ (und ja, auch nett!) ist und mit vielen Leuten ins Gespräch kommt. Wiederum doof, wenn diese Gespräche sich ums Training drehen und die Gesprächspartner oft Trainingsanfänger sind, die noch nicht unterscheiden können. Vermutlich sind Trainingsgespräche mit Menschen die vom Training Ahnung haben in der Vergangenheit oft nicht gut ausgegangen aus Sicht dieser Person, so dass eher leichtere Opfer gesucht werden.

In solch einem Fall gibt es für mich nur ein: wenn das Gespräch (es dauert oft sehr lange) durch ist, gehe ich zu dem „Opfer“, halte diesem einen Kugelschreiber vor die Augen (wenn Du Men in Black gesehen hast weißt Du, was jetzt folgt) und sage ihm, dass er bitte die vergangenen 10 oder 15 Minuten komplett aus seinem Gedächtnis streichen soll.

Ich glaube die meisten verstehen das! Ist das gemein? Ja, sehr sogar! Es ist aber auch gemein, Trainingsanfängern einen solchen Quatsch zu erzählen!!! 😉

Und jetzt behaupte Du nochmal, die Trainer in Deinem Studio korrigieren die Trainierenden nicht!

Ich glaube Du hast verstanden, dass das ein verdammt komplexes Thema ist.

Es kann durchaus sein, dass es nicht genügend Trainer in Deinem Studio gibt, dass die vorhandenen Trainer keine Ahnung haben oder auch einfach nur keinen Bock! Es kommt übrigens beides vor, sehr häufig! Das ist aber vermutlich wie in jedem anderen Beruf auch so!

Wenn Du an Korrektur, Verbesserungen, Trainingstipps usw. interessiert bist, dann sprich den oder die Trainer im Studio doch mal gezielt an. Wie ich oben geschrieben habe, wer sich auf diesem Wege „outet“, dem helfe ich auch noch mehr als ohnehin schon. Ja, ich spreche von helfen, denn darum geht es bei der Korrektur einer schlechten Trainingstechnik ja. Ich glaube dass das bei anderen Trainern auch funktioniert, selbst bei den ansonsten weniger kommunikativen mit beschränkter Motivation!

Du möchtest nicht dem Running-Kruger-Effekt zum Opfer fallen? Dann beschäftige Dich mit dem Thema und lerne dazu… zum Beispiel, indem Du Dir mein Buch holst. 😉

https://amzn.to/47ZxIMo (das Buch bekommst Du – wenn Du möchtest – gerne auch bei mir… wenn Du drauf bestehst auch mit ner Widmung 😉 ).

Die „Schlechtes-Training-Trilogie“ – Teil 1: Wenn Du keine Ahnung vom Training hast, das aber leider nicht weißt!

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