High Protein ist sinnvoll. Aber viele übertreiben es.

Wer meine Inhalte schon länger verfolgt, weiß wahrscheinlich, dass ich eine ausreichend hohe Proteinzufuhr grundsätzlich für eine sehr gute Idee halte. Tatsächlich gehört das sogar zu den ersten Empfehlungen, die ich vielen Menschen gebe, wenn es um Ernährung, Abnehmen oder Muskelaufbau geht.

Und das auch aus guten Gründen.

Protein sättigt gut, hat einen höheren thermischen Effekt als Fett oder Kohlenhydrate und spielt natürlich vor allem als Baustoffsubstanz im Körper eine wichtige Rolle. Gerade während einer Diät oder beim Abnehmen kann eine höhere Proteinzufuhr deshalb sehr sinnvoll sein.

Dieser Artikel soll also ausdrücklich kein „Protein ist Quatsch“-Artikel werden.

Ich glaube allerdings, dass das Thema inzwischen an vielen Stellen überbewertet wird. Oder vielleicht besser gesagt: Dass viele Menschen anfangen, sich unverhältnismäßig stark darauf zu konzentrieren.

Und ich nehme mich da ausdrücklich nicht raus. Tatsächlich ist dieser Artikel vielleicht sogar ein kleines bisschen Eigentherapie. 

Wenn irgendwo „High Protein“ draufsteht, klingt das erstmal automatisch besser

Ich merke das bei mir selber. Wenn irgendwo „High Protein“ draufsteht, denke ich oft erstmal: „Oh, das ist wahrscheinlich die bessere Wahl.“ Und ja, manchmal stimmt das auch.

Ich esse selbst Proteinpuddings, nutze Eiweißprodukte und habe sogar mal ein Rezept gepostet, wie man mit Skyr, Ei und vergleichsweise wenig Mehl einen proteinreichen Pizzaboden machen kann. Das war auch gar nicht schlecht. Für manche Menschen kann sowas durchaus sinnvoll sein.

Interessant wurde es allerdings, als mich später mal jemand fragte, ob ich meine Pizza wieder mit diesem proteinreichen Boden gemacht hätte.

Meine Antwort war: „Nein.“

Die Reaktion darauf fand ich spannend: „Wieso nicht? Da ist doch mehr Protein drin.“

Und genau das beschreibt das Problem eigentlich ziemlich gut.

In meinem Fall war das schlicht nicht nötig. Mein Kalorienverbrauch ist vergleichsweise hoch, ich esse ohnehin proteinreich und nehme zusätzlich Lebensmittel oder Supplements zu mir, die bereits viel Eiweiß enthalten. Ich muss also nicht zwanghaft versuchen, bei jeder einzelnen Mahlzeit noch mehr Kohlenhydrate gegen Protein auszutauschen.

Das bedeutet nicht, dass so ein Pizzaboden schlecht ist. Für andere mag das eine grandiose Option sein. Aber irgendwann habe ich gemerkt: Nur weil etwas theoretisch „noch proteinreicher“ ist, bringt es mir praktisch nicht automatisch einen relevanten Mehrwert.

Viele Menschen optimieren inzwischen die letzten 3 %, obwohl woanders riesige Potenziale liegen

Genau das ist vermutlich mein größter Kritikpunkt an vielen Ernährungstrends.

Es wird unglaublich viel Energie darauf verwendet:

  • noch mehr Protein einzubauen,
  • noch proteinreichere Rezepte zu finden,
  • weitere „High Protein“-Produkte auszuprobieren
  • oder jede Mahlzeit irgendwie zu „optimieren“.

Während gleichzeitig ganz andere Dinge komplett liegen bleiben. Anstatt stundenlang nach dem nächsten Protein-Hack zu suchen, könnte man vielleicht:

  • mehr Gemüse essen,
  • mehr Ballaststoffe aufnehmen,
  • regelmäßiger trainieren,
  • sich im Alltag mehr bewegen,
  • besser schlafen
  • oder grundsätzlich konstanter werden.

Das sind oft die deutlich größeren Hebel. Viele Menschen versuchen, bei einer ohnehin schon guten Variable noch einmal 3 % herauszuholen, während an anderer Stelle riesige Früchte extrem tief hängen und mit wenig Aufwand erreichbar wären.

Und genau das halte ich langfristig für problematisch.

Nicht jedes High-Protein-Produkt ist automatisch „super gesund“

Ein weiterer Punkt: Nur weil auf einem Produkt „High Protein“ steht, wird daraus nicht automatisch ein besonders hochwertiges Lebensmittel.

Das merkt man übrigens auch bei sich selbst relativ schnell.

Ein Proteinpudding wirkt oft direkt ein bisschen „harmloser“ oder „gesünder“ als andere Süßspeisen. Und ja, vielleicht hat er etwas weniger Zucker oder Fett und dafür mehr Eiweiß.

Trotzdem bleibt vieles davon ein verarbeitetes Produkt. Da sind Süßstoffe drin, Verdickungsmittel, Zusatzstoffe und allerlei Zutaten, die man wahrscheinlich nicht automatisch mit „perfekter Ernährung“ verbinden würde.

Und bitte nicht falsch verstehen: Ich verteufle solche Produkte überhaupt nicht. Ich esse manche davon selber gerne. Aber ein Proteinpudding wird nicht plötzlich Brokkoli, nur weil „High Protein“ draufsteht.

Genau diese automatische Gleichsetzung von: „mehr Protein = grundsätzlich besser“ halte ich mittlerweile für schwierig.

Brauche ich überhaupt mehr Protein?

Diese Frage stellen sich viele Menschen meiner Meinung nach viel zu selten.

Natürlich profitieren manche Menschen von einer höheren Proteinzufuhr:

  • beim Muskelaufbau,
  • beim Abnehmen,
  • während einer Diät,
  • oder wenn vorher einfach insgesamt zu wenig Eiweiß gegessen wurde.

Aber irgendwann kommt auch der Punkt, an dem zusätzliches Protein kaum noch relevanten Nutzen bringt.

Viele Menschen essen heute ohnehin schon deutlich mehr Eiweiß als früher. Teilweise zusätzlich:

  • Proteinpulver,
  • Proteinriegel,
  • Proteinpuddings,
  • High-Protein-Snacks,
  • spezielle Backrezepte,
  • und allerlei Fitnessprodukte.

Da darf man sich durchaus mal ehrlich fragen: Habe ich überhaupt ein Proteinproblem? Oder optimiere ich einfach nur weiter, weil ich ständig solche Inhalte sehe?

Social Media lebt von Aufmerksamkeit – und Protein verkauft sich hervorragend

Ein weiterer wichtiger Punkt: Viele Ernährungstrends entstehen nicht zufällig.

Influencer sind nicht automatisch Ernährungswissenschaftler. Manche beschäftigen sich sicher intensiv mit dem Thema und haben Erfahrung. Aber gleichzeitig sollte man auch bedenken, dass viele Inhalte wirtschaftliche Hintergründe haben.

Gerade Eiweißprodukte sind für Firmen natürlich extrem interessant.

Von Proteinpulver, Riegeln oder Puddings wird vergleichsweise viel konsumiert und regelmäßig nachgekauft. Da steckt also enorm viel Umsatzpotenzial dahinter. Und natürlich beeinflusst das auch die Kommunikation.

Wenn Influencer von Supplementfirmen gesponsert werden, Rabattcodes verteilen oder Kooperationen haben, dann wird das Thema Protein logischerweise ständig präsent gehalten.

Dadurch entsteht online schnell der Eindruck:

  • mehr Protein sei immer besser,
  • jede Mahlzeit müsse optimiert werden,
  • und normale Lebensmittel seien irgendwie nicht mehr ausreichend.

Ich glaube allerdings, dass viele Menschen deutlich entspannter und wahrscheinlich sogar erfolgreicher wären, wenn sie sich wieder etwas stärker auf die Grundlagen konzentrieren würden.

Die Grundlagen sind meistens langweiliger – aber deutlich wichtiger

Das Problem ist: Normale, vernünftige Ernährung geht online schlecht viral.

„Iss regelmäßig vernünftig.“ „Beweg Dich mehr.“ „Schlaf ausreichend.“ „Trainiere konstant.“ „Iss mehr Gemüse.“ Das klingt halt nicht besonders spektakulär.

Eine „ultimative High-Protein-Pizza“ oder irgendein „Fitness-Hack“ erzeugt deutlich mehr Aufmerksamkeit.

Aber genau deshalb sollte man vielleicht manchmal einen Schritt zurückgehen und sich fragen: Arbeite ich gerade wirklich an den Dingen, die meinen Fortschritt am meisten beeinflussen?

Oder beschäftige ich mich hauptsächlich mit den Details, weil sie spannender wirken?

Protein ist wichtig. Aber Ernährung besteht eben aus deutlich mehr als nur Protein.

Mein Fazit

Protein ist wichtig, daran hat sich meine Meinung überhaupt nicht geändert. Ich glaube sogar weiterhin, dass viele Menschen von einer höheren Proteinzufuhr profitieren können, gerade beim Abnehmen oder im Zusammenhang mit Krafttraining. Ich glaube aber auch, dass das Thema inzwischen häufig übertrieben wird und viele Menschen anfangen, sich zu stark auf genau diesen einen Punkt zu konzentrieren.

Während überall versucht wird, noch mehr Protein einzubauen oder die nächste Mahlzeit weiter zu optimieren, bleiben oft die Dinge liegen, die langfristig wahrscheinlich deutlich wichtiger wären: regelmäßiges Training, ausreichend Bewegung, vernünftiger Schlaf, mehr Gemüse, Ballaststoffe und allgemein bessere Gewohnheiten.

Vielleicht sollten wir uns deshalb hin und wieder ehrlich fragen, ob wir gerade wirklich an den Dingen arbeiten, die unseren Fortschritt am meisten beeinflussen, oder ob wir uns hauptsächlich mit Details beschäftigen, weil sie spannender wirken. Denn Ernährung besteht eben aus deutlich mehr als nur Protein.

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