Dehnen wir uns zum Schluss noch ein bisschen?“ 

„Dehnen wir uns zum Schluss noch ein bisschen?“ Diese Frage höre ich in meinen Kursen immer mal wieder – meistens von Trainierenden, die schon ein paar Jahrzehnte Sport auf dem Buckel haben. Früher wurde Dehnen in jede Sporteinheit eingebaut, oft minutenlang. Heute siehst Du kaum noch Menschen „stretchen“. Was ist da passiert? Ist Dehnen nicht mehr wichtig? Oder war es vielleicht nie so wichtig, wie wir dachten?

Früher war mehr Dehnen

Wer in den 80ern oder 90ern Sport gemacht hat, erinnert sich: Dehnen war gesetzt. Vor jedem Training, nach jedem Training – und zwischendrin am besten auch noch ein bisschen. Egal ob Schulsport, Fußball, Leichtathletik oder Geräteturnen, überall wurden Muskeln in alle möglichen Richtungen gezogen, gedehnt und gehalten. Wer nicht dehnte, galt als fahrlässig oder sogar unsportlich. 

Auch ich als Leichtathlet habe – selbstverständlich und sicher ausgiebiger und gewissenhafter als die meisten!!! – jahrelang vor jedem Training und nach jedem Training ausgiebig gedehnt.

Aber: Hatte das wirklich den Effekt, den ich mir erhoffte? Wird man durch Dehnen wirklich geschmeidiger, verletzungsfreier und leistungsfähiger werden? Oder haben wir einfach nur alle mitgemacht, weil es halt dazugehört?

Die Wissenschaft hat nachgerechnet

Moderne Studien haben sich genau das angeschaut. Das Ergebnis: Die einst unangefochtene Dehnpflicht ist gar nicht so unangefochten.

  • Dehnen vor dem Training? Kann sogar kontraproduktiv sein! Längeres statisches Dehnen vor dem Krafttraining oder Sprinten kann kurzfristig die Muskelkraft und Explosivität reduzieren. Die Muskeln werden „entspannt“ – und genau das ist nicht das, was du vor einer Krafteinheit oder einer schnellen Bewegung brauchst.
  • Dehnen gegen Muskelkater? Hat sich als Mythos herausgestellt. Dehnen verhindert keinen Muskelkater und lindert ihn auch nicht. Wer also nach dem Beintraining verzweifelt an der Wade zieht, um den Schmerz am nächsten Tag zu vermeiden, macht das eher für das gute Gefühl als für einen echten Effekt.
  • Dehnen für Verletzungsprävention? Ja, aber… Jein. Ein gewisses Maß an Beweglichkeit ist wichtig, das ist klar. Aber das klassische statische Dehnen schützt nicht zwingend vor Verletzungen. Viel entscheidender sind Kraft, Kontrolle und eine gut aufgewärmte Muskulatur.

Warum dehnen wir uns dann überhaupt?

Jetzt könnte man ja sagen: „Na gut, dann lassen wir das Dehnen halt ganz sein.“ Aber so einfach ist es nicht. Denn Beweglichkeit ist wichtig – gerade, wenn du Krafttraining machst oder älter wirst. Das bedeutet aber nicht, dass du dich einfach nur statisch in eine Position hängen musst.

Besser als reines Dehnen:

  • Dynamische Beweglichkeitsübungen (Mobility Drills) sind oft die bessere Wahl. Vor dem Training mobilisieren statt passiv dehnen – das macht dich leistungsfähiger.
  • Aktive Dehnung mit Kraft – Wenn du Beweglichkeit verbessern willst, dann halte Positionen mit Muskelspannung, anstatt einfach nur zu ziehen und zu warten.
  • Bewegung statt erzwungener Dehnung – Wer sich regelmäßig gut bewegt, bleibt automatisch beweglich.

Das Fazit: Muss ich jetzt aufhören zu dehnen?

Nicht zwingend. Wenn du Dehnen magst und dich danach gut fühlst, dann mach es! Niemand muss auf Beweglichkeit verzichten. Aber wenn du bisher dachtest, du müsstest dehnen, weil es „gesund“ ist, dann hinterfrage es ruhig mal. Vielleicht gibt es für dich effektivere Methoden.

Und falls Du mich nach dem nächsten Kurs fragst: „Dehnen wir uns zum Schluss noch ein bisschen?“, dann könntest Du als Antwort bekommen:

„Nein, auch heute nicht – wir machen lieber etwas, das wirklich Sinn ergibt!“ 😉

1 Comment

  • Hans Bergman

    08.02.2025 @ 20:42

    Ich liebe das Gefühl, die Oberschenkel nach einer Laufrunde zu stretchen. Es fühlt sich einfach richtig an. 🙂 Aber wenn ich aus Zeitgründen auf Stretching verzichte merke ich kein Unterschied.

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